Teil 1 einer vierteiligen Serie von Luis Held zu Aufmerksamkeit, Ruhe und bewusstem Leben – jede Woche erscheint ein neuer Teil.
Wir kommen in diesem Artikel nicht umher, über die physische Manifestation des Säbelzahntigers des 21. Jahrhunderts zu sprechen – digitale Endgeräte, in casu das Handy. Machen wir zunächst einen Test: Schauen Sie sich Ihre durchschnittliche Handyzeit an. Ich bin, zu meiner Schande, heute wieder eine Stunde auf TikTok versumpft, teils aktiv am Scrollen, teils als Hintergrundmusik. Wir müssen verstehen, dass die kleinen, hyperintelligenten Biester, im Volksmund Smartphone genannt, gebaut wurden, um uns Zeit zu klauen. Es ist eine einfache betriebswirtschaftliche Rechnung: Je mehr Zeit man bei Instagram und Co. hängt, desto mehr unterschwellige oder direkte Werbung und Kaufimpulse erhalten wir – und damit wird Profit erwirtschaftet. Direkte Werbung kann bei YouTube zum Beispiel mit einem entsprechenden Abonnement beseitigt werden, nicht so die indirekte Werbung, Stichwort Influencer-Marketing. Der Werbung entfliehen wir also nicht, wenn wir in ihre Höhle vordringen.
Es gibt die althergebrachte, aber dennoch goldrichtige Regel: Nichts ist umsonst. Zwar stehen Instagram und Co. dem Konsumenten ohne Kosten 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche zur Verfügung, dennoch zahlen wir – in geringem Maße mit unseren Daten, viel mehr aber mit dem wertvollsten Gut unserer heutigen Zeit: unserer Aufmerksamkeit.
Überall sehen wir Werbung, ob wir wollen oder nicht – selbst beim Video-on-Demand-Anbieter Prime Video muss ich mir Werbung anschauen, wenn ich nicht bereit bin, noch mehr zu zahlen. Und selbstverständlich auch beim Doomscrollen immer häufiger stumpfe Werbung von Schrottprodukten. Ich bin selbst nicht immun gegen die Social-Media-Mafia, die versucht, mir meine Aufmerksamkeit zu klauen – ich weiß aber sehr wohl, wie schädlich sie ist, und immer wenn ich mal wieder 15 Minuten beim Surfen versumpft bin, denke ich mir: „Verdammt, hier gibt es nur Mist und Schrott zu sehen." Welche Muße es im Vergleich doch ist, an dieser Abhandlung arbeiten zu dürfen. Nachdem nun klar wurde, dass das Handy unsere Aufmerksamkeit zu stehlen trachtet, gilt es, das Petitum herauszustellen. Der negative Effekt ist common sense: Unser Handy macht uns abhängig, analog einer Droge. Diese Droge macht uns hässlich, dumm, aggressiv und geistig wie im Portemonnaie arm – kurzum, sie stresst uns.
Um bei unserer eingangs bemühten Analogie zu bleiben: Das Handy ist eine Abart des Säbelzahntigers des 21. Jahrhunderts, der uns zwar nicht mehr ums Leben bringt, aber dieselben Symptome verursacht wie einst der Anblick eines Säbelzahntigers vor der Hütte eines prähistorischen Menschen. Die Gefahr ist eine andere, nicht aber die neuronale und hormonelle Reaktion und die Verhaltensänderung unseres Körpers auf die Gefahr. Denn Gefahr bleibt Gefahr. Nur ist sich der Mensch dessen nicht mehr bewusst, da dieser Säbelzahntiger nicht mehr lebensbedrohend ist und es somit nicht zur natürlichen Auslese kommt. Es ist eine Schande, dass es zwar Common Sense ist, wie schädlich unser Handy ist, es dennoch viele Menschen gibt, deren erste und letzte Handlung am Tag das Handy ist.
Nächste Woche, Teil 2: Gedankenfreie Zeit – warum unser Kopf tägliche Ruhepausen braucht.


